Warum wird häufig an alten Stammzellen-Linien geforscht?

03.01.2013

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Die Fachzeitschrift PLOS One veröffentlichte am 2.1.2013 die Ergebnisse einer Studie, die gemeinsam von Wissenschaftlern der RWTH Aachen, des Robert Koch-Instituts in Berlin sowie den Universitäten South-Hampton und Kiel durchgeführt wurde. Univ.-Prof. Dr. Andreas Schuppert vom RWTH-Lehrstuhl für Datengetriebene Modellierung in der Computational Engineering Science und Graduiertenschule AICES ist hieran beteiligt.

 

These der Wissenschaftler war, dass in der Forschung nur wenige, als veraltet angesehene humane embryonale Stammzell-Linien, eingesetzt werden. Aktuell existieren weltweit mehr als 1.600 Stammzell-Linien. In mehr als 50 Prozent aller wissenschaftlichen Studien, die unter Nutzung von Stammzellen erfolgten, werden jedoch nur drei Zell-Linien genutzt. Diese drei Zell-Linien wurden bereits 1998 als erste humane embryonale Stammzellen überhaupt publiziert. Im Rahmen ihrer Studie analysierten die Wissenschaftler jetzt rund 2.400 Original-Veröffentlichungen von Arbeiten mit humanen embryonalen Stammzellen. Es zeigte sich, dass die Verwendung von Stammzellen in der Forschung durch das so genannten Matthäus Prinzip erklärt werden kann: Die bekannte Weisheit „Wer viel hat, dem wird auch viel gegeben“ kann in ihrer mathematischen Form auch auf die Nutzung von Stammzellen angewandt werden. Die beobachteten Muster der Stammzellnutzung sind demnach vor allem die Folge von wissenschaftlichen Kollaborationsprozessen. Die meisten Wissenschaftler bevorzugen für die Grundlagenforschung die wenigen „alten“, gut charakterisierten und leicht verfügbaren Stammzell-Linien.

Die Autoren etablierten ein Modell, das präzise die tatsächlich beobachtete weltweite Nutzung dieser Stammzellen vorhersagen konnte. „Die Nutzung humaner embryonaler Stammzellen ist nach unseren Erkenntnissen das Ergebnis einer hochvernetzten Wissenschaftskultur. Sie folgt Mechanismen, wie sie beispielsweise auch für das Internet, für bestimmte wirtschaftliche Prozesse oder für soziale Netzwerke wie „Facebook“ beschrieben wurden“, erläutert RWTH-Wissenschaftler Schuppert. Die Ergebnisse sind, so die beteiligten Wissenschaftler, von forschungspolitischer Relevanz: Politische Vorgaben haben die Nutzung bestimmter Stammzell-Linien kaum beeinflusst.

Für die Verwendung humaner induzierter pluripotenter Stammzellen wurden ähnliche Muster gefunden wurden wie für embryonale Stammzellen: Wissenschaftler nutzen auch hier überwiegend nur einige wenige, relativ früh etablierte Zell-Linien.

Die Studie mit dem Titel „Power laws and the use embryonic stem cell lines“ ist in der Fachzeitschrift PLOS One veröffentlicht worden, siehe http://dx.plos.org/10.1371/journal.pone.0052068